[Nihon basics] Arbeiten in Japan

Die nackte Wahrheit!

Viele träumen, in Japan zu wohnen ohne jemals dort gewesen zu sein. In ihren Vorstellungen ist Japan ein wundervoller Ort: überall Anime und Manga, süße Mädchen in Kostümen, Sushi, Tempel und Kultur.

Träumt bitte weiter!

In einem Urlaub kann man Japan genau so erleben. Aber wenn man hier wohnt, wird man auch mal mit der anderen Seite konfrontiert und merkt, dass auch Japan ein Land mit positiven und negativen Aspekten ist.
Heute möchte ich ein wenig über die Arbeit sprechen. Inspiriert durch meine Praktikantin, die nicht nur aus Europa kommt, sondern auch ihre erste richtige Arbeit bei uns angetreten hat..

Ich bin keine große Jobwechslerin. In Deutschland hatte ich einen Nebenjob während Schule und Abitur und später wurde ich in meinem Ausbildungsbetrieb übernommen.
In Japan arbeitete ich immer beim gleichen Gärtner, bevor ich zum Gartendesign wechselte.
Ich schaue also auf eine Berufserfahrung von vier Arbeitgebern zurück.

Von diesen kann ich euch speziell berichten, von anderen Arbeitgebern in Japan, was hier normal ist usw., aber eher nur vom Hörensagen.
Um das ganze ein wenig einzugrenzen, schreibe ich vom Fall „Ausländer arbeitet in Japan“ und lasse Japaner in Japan zumeist außen vor.

Trotzdem muss ich verallgemeinern…
Ich möchte zunächst die Ausländer in verschiedene Gruppen einteilen.

※ Expats mit Expatpaket

※ Aus dem Ausland angeworbene Ausländer

※ Selbstständige

※ Als Arbeitnehmer in einer normalen japanischen Firma.


>※ Jeder, der ohne Expatpaket hier ist, schaut ab und zu neidisch auf die Expats.. Wohnungen in bester Lage, gesponsorte Heimflüge, regelmäßige Einkäufe im internationalen Supermarkt..
Als Expat bezeichnen wir hier, entgegen der eigentlichen Übersetzung des Wortes, Arbeitnehmer, die von ihrer ausländischen Firma nach Japan geschickt wurden.
Sie erhalten oft ein sogenanntes Expatpaket, das es ihnen ermöglicht in Japan den gleichen Lebensstandard zu halten wie in Deutschland. Wie ungewöhnlich viel Geld sie dadurch bekommen ist ihnen meist nicht bewusst. Viele Expats bleiben nur 2-4 Jahre und leben in dieser Zeit in der sogenannten Expatbubble, aus der heraus sie das wahre Leben in Japan nicht kennenlernen.

Natürlich ist das sehr verallgemeinert.. Es gibt auch Expatpakete, die nur eine winzige Wohnung am Stadtrand und das typische japanische Gehalt beinhalten.
So wie es Expats gibt, die sich in der Gesellschaft gut einleben, Anschluß finden und später zu den regulären Angestellen wechseln.

>※ Aus dem Ausland angeworbene Arbeitnehmer (oft durch ein japanisches Unternehmen) sind Experten auf ihrem Gebiet und bringen Fähigkeitskombinationen mit, die man unter Japanern nur schwer findet.
Meist werden auch sie mit Paketen gelockt, wie zum Beispiel ein bezahlter Heimflug pro Jahr.
Sie arbeiten normalerweise zu japanischen Bedingungen, können sich aber mehr herausnehmen als japanische Angestellte, weil sie nur bedingt dem gesellschaftlichen Zwang unterliegen.

>※ In Japan als Selbstständiger arbeiten.
Ist für Ausländer möglich, wenn sie ein Visum haben, genug Japanisch verstehen um Papierkram selbst zu erledigen, oder aber genug Geld um jemanden dafür zu beschäftigen.
Zum Papierkram gehört einiges dazu. Unter anderem regelmäßige Steuererklärungen, auf Behörden-Japanisch…
Mir wurde ans Herz gelegt, mich irgendwann selbstständig zu machen. Denn dann definiert man seine eigenen Arbeitsbedingungen und ist nicht den teils verrückten der japanischen Arbeitswelt unterlegen.

>※ Als „normaler“ Arbeitnehmer in einer japanischen Firma arbeiten.
Hier warten die Probleme..
In Japan gibt es Arbeitsgesetze. In Japan gibt es sogar Gewerkschaften!
Aber leider gibt es auch viele Grauzonen und Arbeitgeber und Arbeitnehmer!, die sich ungern an die Gesetze halten..
Was den Ausländer interessiert sind natürlich: Geld, Urlaub, tägliche Arbeitszeiten.
Über Geld kann ich nicht viel sagen..

Als Baito (Aushilfsjob) in der Nähe von Tokyo, habe ich mit 850 und später 900 Yen pro Stunde recht wenig bekommen. In Tokyo kann man Baito für 1000 Yen die Stunde finden. (Andere Regionen zahlen weniger!!)
Meine Arbeitgeber schieben die geringe Bezahlung auf meine nicht ausreichenden Sprachkenntnisse. Ich bin nicht in der Lage in Japan alleine zu arbeiten. Damit haben sie recht. Bin ich nicht.

Bei meinem jetzigen Arbeitgeber bin ich festangestellt. Mein Satz liegt über dem von Baito, jedoch unter dem von Vertragsangestellten.
Sollte mein Japanisch jemals besser werden und ich mehr alleine machen können, möchte mein Chef mein Gehalt anheben.
Optimal für einen japanischen Festangestellten ist ein Gehalt über 300.000 Yen im Monat. Damit kann man schon eine Familie gründen und die Frau wird entlastet. Hier wird immer noch sehr oft erwartet, dass die Frau ihren Job aufgibt, wenn Kinder im Anmarsch sind. Zumindest für die Jahre bis zur Grund- oder Mittelschule. Jedoch sind immer weniger Arbeitgeber bereit den Männern ein Gehalt zu zahlen, das ihnen dies erlaubt. Vertragsjobs sind schwer im Kommen!

Kommen wir zum Urlaub. Einem Knackpunkt, der mich auch veranlasste, diesen Beitrag zu schreiben.
Natürlich haben Japaner Urlaub! Und wenn man es mal richtig ausrechnet, sogar gar nicht so wenig.. Als normaler Büroangestellter zumindest.

Da hast du zum einen Golden Week, Obon and Neujahrsferien.
Alle so 5-7 Tage am Stück frei.
Dann 10 Tage regulärer Urlaub und sämtliche Nationalfeiertage.
Das sind pro Monat mindestens einer, nur der Juni und August haben keinen. Bleiben trotzdem zusätzlich 10 Tage. Wir haben also für Neujahr, Golden Week und Obon grob gerechnet 15 Tage frei. Plus 10 Tage regulärer Urlaub und 10 verbleibende Nationalfeiertage.
Nun ist es aber so, dass Japaner normalerweise ihre Urlaubstage für eventuelle Krankheitstage benutzen, oder falls man mal anderweitig Termine wahrnehmen muss.
Junge Japaner nutzen ihren Urlaub aber tatsächlich gerne zum Urlaub machen. Wenn auch vielleicht nicht alle 10 Tage..

Fakt bleibt: Drei Wochen Urlaub auf Gran Canaria? Kannst du knicken! Du kannst 5 Tage in der Golden Week/Obon/Neujahr wegfahren, aber dazwischen sei es dir gestattet mal ein Wochenende oder so um einen Tag zu verlängern!
Wer frei nimmt, bürdet damit automatisch seinen Kollegen mehr Arbeit auf. Das Deutsche „wie ich dir so du mir“ funktioniert hier nicht.

Bei mir in der Firma sieht es mit Urlaub anders aus.
Ich habe zur Golden Week, zu Obon und zu Neujahr Urlaub. Und das war’s. Keine zusätzlichen Urlaubstage und auch kein frei an Nationalfeiertagen.
Dafür kann ich aber mal, wenn nicht so viel zu tun ist, Arbeitstage tauschen. Also mal einen Wochentag freinehmen und dafür am Wochenende arbeiten.
Meine Firma ist sehr klein. Außerdem arbeiten wir in einem Sektor, der es nötig macht auch dann zu arbeiten, wenn alle anderen frei haben.

Daraus ergibt es sich zum Beispiel, dass mein Chef nicht selten sieben Tage in der Woche arbeitet und gerne auch mal nachts bis 4h, um dann morgens um 10h wieder beim Kunden auf der Matte zu stehen.
So verrückt bin ich allerdings nicht.. Das mache ich nicht mit..
Überstunden mache ich auch selten. Die werden nämlich nicht bezahlt.

Gute Firmen bezahlen Überstunden. Schlechte Firmen verlangen ein großes Maß an Überstunden und zahlen nichts.
Meistens werden Überstunden aber gar nicht erst gemeldet oder Arbeitgeber bitten ihre Arbeitnehmer inständig darum nur einen Bruchteil ihrer Überstunden einzutragen.
Daher werden die offiziellen Zahlen zu Arbeitszeiten in Japan ziemlich verfälscht.

Trotzdem ist man sich des Problems mit der zu vielen Arbeit bewusst und so kam die Regierung auf die Idee bezahlte Überstunden abzuschaffen..
Dadurch will sie erreichen, dass die Leute wirklich nach Hause gehen..
In vielen Sektoren bedeutet das jedoch, dass die Leute einfach ohne Bezahlung Überstunden machen werden. Denn obwohl es zwar viele gibt, die durch unnötige Überstunden Extrageld scheffeln, gibt es auch genug, die wirklich Überstunden machen müssen, weil es zu viel Arbeit gibt (zum Beispiel die Angestellten in den Rathäusern, die jetzt auf vielen vielen unzustellbaren MyNumber Karten sitzen..).

Wenn es nötig ist, mache ich auch ohne Geld Überstunden. Ich kann sie schließlich später wieder abbummeln.. Mein Chef ist da sehr tolerant. Er zahlt mir mein festes Gehalt und meinte, ich muss nur darauf achten, dass ich dafür angemessen arbeite.
Nun ja.. Und ich bin ja nicht umsonst Deutsche.. Wenn ich einen Auftrag habe schaffe ich es normalerweise immer alles so zu timen, dass ich die Sachen fertig bekomme ohne Überstunden zu machen..
Wenn man jedoch so ein Arbeitsfanatiker wie mein Chef ist, der immer 4-5 Sachen gleichzeitig auf dem Tisch hat, dann..
Aber er arbeitet auch wirklich gerne..

Als Ausländer in einer japanischen Firma wird man sich anpassen. Man wird wahrscheinlich nicht bei dem Wettbewerb „wer kommt als erstes in die Firma“ und nicht beim Wettbewerb „wer bleibt am längsten“ mitmachen, aber wenn Überstunden notwendig sind, wird man sie machen. Natürlich, denn das ist in anderen Ländern auch nicht anders!

Oft hört man übrigens von der Regel „niemand geht vor dem Chef“.
Hier muss man sehen, wie man darauf reagiert falls es diese Regel in der eignen Firma gibt. Ich gehe natürlich vor dem Chef nach Hause. Er kommt oft erst um 13h in die Firma, bleibt dann aber bis 24h oder so..
Manche Chefs haben auch kein Privatleben oder einen Hausdrachen und leben quasi im Büro.. Wenn ich theoretisch um 18h Feierabend hätte und der Chef bis 22h bleibt, weil er nicht nach Hause möchte, würde ich auf diese Regel wahrscheinlich auch scheißen.. Wenn es sich aber nur um 30 Minuten oder so handelt, würde ich mich schon dran halten.

Überstunden in Handwerksberufen sind übrigens normal!
Meine vorige Gartenbaufirma war eine sehr große Ausnahme mit festen Arbeitszeiten von 7:30 – 17:30.
Zumindest als Gärtner hat man Vorbereitungszeit, Nachbereitungszeit und die Kernzeit.
In meinem Fall war die Kernzeit von 8:00-17:00 und nur diese wurde bezahlt.
Wir hatten eine halbe Stunde um den Tag vorzubereiten (Geräte heraussuchen und Autos beladen) und eine halbe Stunde zum Abladen und Aufräumen.
In anderen Firmen hat man Vor- und Nachbereitungszeit auch, nur arbeitet man dort auf der Baustelle bis man fertig ist. Und wenn man bis 19:00 arbeitet, muss man trotzdem noch Abladen und Aufräumen. Und der Fahrtweg von der Baustelle bis zur Firma kommt selbstverständlich auch noch dazu.
Das gibt es in Deutschland aber auch ^_-

So.. Ich hoffe, ich konnte ein bisschen etwas über die japanische Arbeitswelt offenbaren..

Theoretisch kann man hier arbeiten wie überall sonst auch. Es gibt nur Gesellschaftsinterne Regeln, die Japaner dazu anhalten zu lange und zu viel zu arbeiten, auch wenn es eventuell gar nicht so viel zu tun gibt.

In wie weit man sich als Ausländer anpasst und anpassen kann, hängt vom eigenen Charakter und von der Firma ab.
Manche verlangen, dass man sich zu 100% anpasst, andere sind toleranter.
Und wie schnell mal sich in die Hierarchie und die Sitten der japanischen Arbeitswelt einfinden und sich an diese halten kann, obwohl sie manchmal komplett bescheuert sind, hängt vom Charakter ab..

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4 Gedanken zu „[Nihon basics] Arbeiten in Japan

  1. Danke für den Eintrag. Aus dem Handwerk hört man in Japanblogs leider nicht so viel, die meisten Ausländer sind schließlich am Schreibtisch tätig.

    Als Heizungsbauer spiele ich immer wieder mit dem Gedanken es mal in Japan zu versuchen, aber bei jedem Urlaub wird mir bewusst dass es die Freiheiten wie in meiner jetzigen deutschen Firma so dort niemals geben wird.

    • Hallo Ludwig!
      Als Handwerker gibt es noch mehr Probleme.. Vor allem, wenn man viel Berufserfahrung mitbringt..
      Deine Berufserfahrung wird in Japan nicht einfach akzeptiert.. Vielleicht meinst du, deine Art Dinge zu erledigen ist die beste und effizienteste.. Aber Japaner sehen das anders.. Man muss sich ihrem Stil anpassen, auch wenn man der Meinung ist, dass ihre Art zu arbeiten viel zeitintensiver ist..
      Außerdem muss man immer bedenken, wenn man nicht fließend Japanisch spricht, was man der Firma bieten kann (unter dem Aspekt dass sie deine Berufserfahrung nicht akzeptieren), was ein Japaner nicht einfacher erledigen könnte..
      Eine Antwort darauf wäre: Für weniger Geld arbeiten…

      • Eine Anstellung auf der Baustelle wäre auch nur eine „Notlösung“. Ich hätte zwar einen Schweißnachweis für den Rohrleitungsbau (ob der in Japan so akzeptiert wird ist natürlich eine andere Frage), aber die Arbeit ist ganz schön monoton. Fachvokabular kann man lernen, das ist alles kein Problem.

        Von den deutschen Herstellern ist kaum einer in Japan tätig, Zentralheizungen sind außerhalb Hokkaidos kaum gebräuchlich (vom Großanlagenbereich abgesehen) und mit Sanitär kenne ich micht nicht wirklich aus. Meine Erfahrung im Kundendienst wäre quasi nutzlos.

        Aber wie gesagt, die Gedanken geistern mir bei jedem Japanbesuch im Kopf herum. Leben dort ja, aber auch noch arbeiten? Nicht unbedingt. Das ist in Deutschland einfach angenehmer. Ich bewundere jeden der sich da drüben dauerhaft hält ohne verrückt zu werden ;-).

      • Stimmt! Fachvokabular kann man lernen. Deshalb beherrsche ich auch den Fachjargon aus Saitama, während mir alltägliche Vokabeln immer noch fehlen XD
        Übrigens sind die Fachbegriffe von Region zu Region wieder unterschiedlich..
        Wenn ich mit meinem Gärtner aus Kanagawa spreche, verstehen wir uns häufiger nicht, weil die Geräte bei ihm anders heissen..
        Ich denke auch, arbeiten ist in Deutschland angenehmer.
        Nur wem es wirklich sehr wichtig ist in Japan zu leben und dafür auf das angenehme Arbeiten verzichten kann, würde ich den Umzug in eine japanische Firma empfehlen.
        Gerade vor zwei Wochen habe ich einen Expat in Kyoto getroffen, der froh ist wenn er nach seinen drei Jahren wieder zurück gehen kann. Er kommt mit der Sturheit und Unflexibilität in seiner japanischen Firma überhaupt nicht zurecht. Und unflexibel sind leider sehr viele Firmen hier..

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