Stadtführung

Eines schönen Tages im letzten Jahr hatte ich eine Nachricht von einer unbekannten Frau im Briefkasten.
Sie sei im Februar in Tokyo und ob ich ihr nicht die Stadt zeigen könne.
Naja.. Seltsam fand ich es schon von einer Wildfremden einfach so angeschrieben zu werden, aber ich sagte trotzdem weder ab noch zu.
Das Datum lag noch so weit entfernt, dass ich sie bat, mich doch einfach nochmal ne Woche vorher anzuschreiben. Und das tat sie…

Ich sagte spontan zu. Warum auch nicht. Neue Menschen kennen lernen ist ja nichts Schlechtes und macht mir eigentlich Spaß.
Am Samstag sollte ich ihr also die Stadt zeigen..
Bis Donnerstag Abend hatte ich keine Idee, was man so zeigen sollte.. Dann bekam ich die Adresse ihres Hotels und in mir formte sich langsam ein Plan.
Freitag dann wieder eine Nachricht von ihr. Sie sei schon in Tokyo, ob ich nicht Lust auf ein gemeinsames Abendessen hätte.
Ich war am Abend auf eine Geburtstagsparty eingeladen, aber in Tokyo ist man nicht so, ich durfte sie einfach mitbringen.
Also habe ich mich mit ihr bei Hachiko in Shibuya getroffen.
Das war schon ein Abenteuer, zumindest für sie.. Nennen wir sie im weiteren Verlauf mal Katharina.
Katharina kannte Hachiko nicht. Auch hatte sie noch nie etwas von der großen, weltberühmten Kreuzung in Shibuya gehört..
Trotzdem fand sie den Weg und ich traf sie dort.
Sehr schnell merkte ich, dass Katharina von Japan absolut keine Ahnung hatte. Was wünscht man sich für eine Stadtführung mehr? Ein unbeschriebenes Blatt, auf das man all sein Wissen quetschen kann..
Aber erstmal zur Party.
Mein mitgebrachter zusätzlicher Gast war sehr kontaktfreudig und wissbegierig und schloss daher sofort Bekanntschaften. Sehr gut!
Da fühlte ich mich dann auch nicht schlecht wenn ich mal zu Nagarazoku rüber schlenderte um ein wenig mit ihr zu plaudern.
Katharina brachte ich später noch zur Bahn und verabredete mich mit ihr gegen Mittag am Hotel.
Ich kam zu spät. Natürlich.. Ich fand das doofe Hotel nicht auf Anhieb.
Bevor es losging, bat mich Katharina noch in den benachbarten Konbini. Sie brauchte Hilfe beim ATM.
Ich gab mein Bestes, stiefelte noch mit ihr zur Post, aber das Resultat blieb das gleiche.. Kein Geld. Trotz Kreditkarte.. Auch mit Maestro Girocard nicht.. (Ohne dass sie vorher schon einmal Geld abgehoben hätte, am wöchentlichen Limit konnte es also nicht liegen.)
Es heißt also wirklich immer noch, vor der Reise bei der zuständigen Bank genau informieren!
Mit Kreditkarte direkt bezahlen ging allerdings ohne Probleme.
So sind wir los. Erstmal zum Mittagessen. Weil Katharina in Japan gerne Sushi isst, wollten wir Sushi essen gehen. Das Restaurant, das Mamoru noch rausgesucht hatte, befand sich im Umbau und alle anderen hatten Mittagspause.
Also.. Nach ewigem Umherirren gingen wir ins Familyrestaurant um etwas Kleines zu essen. Sushi sollte es dann später geben.
Durch das hin und her laufen war mein Zeitplan schon ziemlich im Argen, unser Gespräch im Restaurant versaute den nun aber vollends.
Wie ich schon schrieb, Katharina wusste nichts über Japan, wollte aber alles wissen.
Mir machte es großen Spaß ihr all die Fragen zu beantworten und die japanische Schrift zu erklären. Nach nur zwei Minuten konnte sie Kanji, Hiragana und Katakana auseinanderhalten.
Einfache Worte, die sie an ihren Geschäftspartnern ausprobieren wollte, schrieb sie sich auf, schüttelte aber den Kopf über die unmöglich lange Version von „Danke“.
Als wir nun endlich aufbrachen, war mir schon klar, dass wir das Innere des Kaiserpalastes nicht mehr sehen würden.. Naja.. Pech.
Vom Restaurant aus ging es zu Fuß zum Hie-jinja, einem sehr wichtigen Schrein in Tokyo.
Er lag früher in der Burg von Edo, wurde aber von Tokugawa in einen äußeren Bereich verlegt, damit das gemeinere Volk ihn auch besuchen konnte.
Er hat einige Besonderheiten.
Kommt man von der Seite, so wie wir, kann man ob der vielen Treppen, die für die ältere Bevölkerung schwer zu bezwingen sind, auch Rolltreppen benutzen.
Dieser Schrein liegt am Ura-kimon des Kaiserpalastes und schützt ihn somit von Süd-Westen gegen Unheil.
Der Hie-jinja ist einer der drei großen Schreine, die ein besonderes Fest auslegen, das noch auf die Edozeit zurückgeht. Im Hie-jinja ist es das Sanno Fest um den 15. Juni herum. Ich war bisher aber nur beim Nachmacher-Fest in Kawagoe.
Und zu guter Letzt ist er der Schrein, der für das Wohl der kaiserlichen Familie beten darf.
Ach nein! Ich habe ja noch eine Besonderheit vergessen.. Die Affen!
Kein Wunder, dass ich das verdrängt habe, schließlich mag ich keine Affen..
Also, vor dem Gebäude des Schreins, an dem man seine Bitte oder sein Danke vorbringt, sitzen normalerweise Löwenhunde oder beim Inari Schrein Füchse.
Hier sitzen nun aber Affen (ein Männchen und ein Weibchen mit Baby), was dem Schrein eine besondere Bedeutung für Paare gibt.
„Affe“ heisst auf Japanisch nicht einfach nur „saru“. Das Kanji für Affe (猿) kann man außerdem noch „en“ lesen, benutzt man für „en“ nun dieses Kanji (縁), drückt es die Verbindung zwischen Personen aus.
Daher wird der Hie-jinja sowohl gerne von Pärchen, als auch von verheirateten Paaren besucht.
Ich zeigte Katharina nun wie man sich verhält wenn man einen Schrein betritt, wie man sich reinigt und wie man betet. Das führte zur Belustigung des Paares in den 60ern hinter uns..
Die erste Ume blühte schon und auf dem Rückweg entdeckte ich im großen Eingangstor noch weitere Affen.. Dort wo sich normalerweise die Alpha – Omega Typen befinden.. Hilfe..

Weiter ging es via des eigentlichen Eingangs zu Kasumigaseki, dem Regierungsviertel Japans.
Direkt hinter den prächtigen Gebäuden fanden wir alte Hütten und ein europäisches Lokal namens „Bitte“.
Es ging vorbei am offiziellen Wohnsitz des Premierministers, den keiner benutzen mag weil es dort spukt, und weiter zum „Bundestag“ von Japan, dem Sitz des Parlamentes.
Von der Seite aus gesehen meinte Katharina noch, warum diese Gebäude immer so überdimensional und prunkvoll sein müssen, die Frontansicht fand sie dann aber doch schön.
Kann ihr in Beidem nur zustimmen.

Weil eine Führung ohne Park keine richtige Führung von mir wäre, ging es in den dem Parlament vorgelagerten Garten (Kokkaizen-tei). Und zwar in den kleineren Teil.. Dieser war, wie letztes Mal auch schon, komplett leer.
Ein Unterschied zum letzten Mal war jedoch, dass der Wasserfall nicht lief und das Flussbett somit leer war.

Wir hielten uns nicht lange dort auf, Katharina schien kein großes Interesse an Gärten zu haben, sondern machten uns weiter auf den Weg zum Kaiserpalast. Wie schon erwartet war er schon geschlossen, aber an den vielen Kiefern vor dem Palast arbeiteten einige Uekiyasan, und so konnte ich doch noch etwas gärtnerisches einfließen lassen. Und bei der Erklärung der Technik und der Anzahl der Kiefern war Katharina doch wieder etwas beeindruckt.
Und beeindruckend sind die Anlagen des Palastes ja auch von außen.
Man sieht den traditionellen Baustil, die imposanten Mauern und den großen Wassergraben.

Mein nächstes Ziel war der Tokyoter Bahnhof, auf den die Tokyoter so stolz sind.
Die Architektur ist für sie außergewöhnlich.
Ja, er ist schön, ringt mir aber auch nur das ab. Etwas Besonderes ist er für mich als Hamburgerin nicht. Es ist ein alter Klinkerbau.. Davon haben wir in Hamburg genug^^;;
Trotzdem empfinde ich ihn als zeigenswert, weil er in Japan heraus sticht. Um ihn herum sieht man nur komplett verglaste Hochhäuser. Geht man durch Wohngebiete, findet man nur Plastik- oder Fliesenhäuser. Da sind Klinkerbauten dann doch mal was anderes.
Die Hochhäuser fand Katharina übrigens toll. So etwas gibt es in ihrer Heimat nicht (in meiner auch nicht). Deshalb freute ich mich insgeheim schon auf unser nächstes Ziel.
Mit der Marunouchi Linie ging es von Tokyo Station nach Nishi-Shinjuku. Na? Kann jemand schon erraten was ich vor hatte?
Richtig. Es ging zum Rathaus!
Dort kann man ja in den 45. Stock hoch fahren. Kostenlos! Und momentan ist einer der beiden Tower bis 23h geöffnet.
Leider der Nordturm (natürlich, denn dort befindet sich das Restaurant). Ich mag den Südturm lieber. Von dort hat man einen besseren Blick über die Stadt.
Aber auch so war es schön. Es war inzwischen dunkel geworden und Tokyo bei Nacht ist einfach umwerfend! Fand auch Katharina, schoss viele Fotos und versendete sie noch auf dem Weg an Freunde.

Zum Abendessen gab es dann endlich Sushi!
Ein Tipp, geht nicht mit mir Sushi essen.. Es endet anscheinend immer mit 5x durch die gleiche Straße laufen, bevor ich das Restaurant endlich finde.
Ich hatte auf Tabelog nach einem am Shinjuku Nishi-guchi mit guter Bewertung gesucht und es war dann auch nicht so schlecht. Viel Fisch und manchmal leider auch etwas viel Wasabi.
Das Problem.. Katharina mochte kein Wasabi.. Das ist bei Sushi in Japan natürlich schlecht. Aber zumindest einmal Nigiri durfte ich ohne Wasabi für sie bestellen.
Es abzukratzen ist doch etwas mühsam..
Ja… Und damit endete dann auch schon die eintägige Stadtführung. Schön wars!
Ich bereue es nicht, dass ich als einzige von allen Angeschriebenen auf Katharinas Bitte geantwortet habe.

Das heißt jetzt aber nicht, dass ich zur kostenlosen Stadtführerin mutiere ^_-

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2 Gedanken zu “Stadtführung

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